Verstorbenen Terrorist*innen das Totengebet verweigern?

130 Imame riefen in England dazu auf, den Terroristen vom 3. Juni 2017 die traditionelle Beerdigungszeremonie zu verweigern, weil die Tat nicht mit den „edlen Lehren des Islams zu vereinen“ seien. Es ist eine der härtesten Sanktionen und soll potentiellen Attentäter*innen vor Augen führen, dass Terrorist*innen nicht Teil der muslimischen Gemeinschaft sind. Außerdem soll ihnen keine öffentliche Aufmerksamkeit oder sogar Würdigung geschenkt werden. Ein möglicher Baustein in der Bekämpfung des Terrorismus. Bei der Verweigerung beriefen sich die Imame auf den Propheten Mohammed, der einem Selbstmörder das Totengebet verweigerte.

Aber was bedeutet die Verweigerung? Das Totengebet ist einerseits eine Würdigung der/des Toten, andererseits ein Bittgebet für die/den Verstorbene*n. Gott* wird um Verzeihung und Gnade für die/den Verstorbene*n gebeten. Wird das Totengebet verweigert, wird das Heil nicht ausgeschlossen, da letztlich Gott darüber entscheidet.

Die Entscheidung wurde von vielen Muslim*innen und Nichtmuslim*innen begrüßt und hat sicherlich zum Nachdenken angeregt. Sie birgt aber auch Probleme, da von nichtmuslimischer Seite schnell die Forderung kommen könnte, zukünftig allen Terrorist*innen das Totengebet zu verweigern. Wenn ein*e Imam*in das Totengebet für eine*n verstorbene*n Terrorist*in*en dennoch abhält, könnte ihr/ihm der Vorwurf entgegengebracht werden, Terrorismus und Extremismus zu fördern. Ein Blick auf die eigenen Traditionen sollte uns vorsichtiger werden lassen.

Im Katholizismus hat jede*r Katholik*in ein Recht auf ein kirchliches Begräbnis. Der Leib soll geehrt und den Lebenden Trost zugesprochen werden. Die versammelte Gemeinde fleht Gott* um Barmherzigkeit und Gnade für den Verstorbenen an, weil der Verstorbene ohne seinen vergänglichen Leib nicht mehr selbst büßen kann. Gott* soll an der/dem Toten vollenden, was in der Taufe begonnen wurde.

Verweigert werden kann das kirchliche Begräbnis, wenn die/der Verstorbene den Glaubenslehren der Kirche öffentlich widersprochen hat oder wegen bekannter Sünden, die ein öffentliches Ärgernis hervorrufen würden. Es gibt zur Zeit zwar keinen offensichtlichen katholischen Terrorismus, aber andere brisante Fälle: KZ Aufseher, Mafiosi oder Amokläufer*innen. In der Regel werden sie bestattet, die konkrete Feier kann dabei sehr unterschiedlich ausfallen. Theologisch kann diese Entscheidung mit der Vollendung bei Gott* begründen werden, in der die Täter*innen nicht Täter*innen und die Opfer nicht Opfer bleiben. Die (katholische) kirchliche Beerdigung wäre dann ein Vorausschauen auf diese Vollendung. Das islamische Totengebet vielleicht auch.

Kategorien:Allgemein

2 Kommentare

  1. malinhagel

    Ich finde, dass auch viel von der hinterbliebenen Familie abhängt, zumindest im christlichen Kontext. Auch wird heutzutage Verstorbenen, die keine Straftat begangen haben auf Wunsch des Verstorbenen oder auf Wunsch der hinterbliebenen Familie, kein christliches Begräbnis durchgeführt.
    Sollte eine frömmige Familie den Wunsch haben den Verwandten trotz oder gerade wegen seines Verbrechens christlich zu beerdigen, finde ich persönlich aus meiner katholischen Sicht her kein Argument gegen eine christliche Beerdigung. Man kann ja ein christliches Begräbnis mit der Bitte um Vergebung der Taten der Verstorbenen gestalten. Auch geht es bei der Frage, meines Erachtens, um die Seelsorge der Hinterbliebenen. Auch sie bedürfen der Zuwendung Gottes in dieser schweren Zeit.
    Ich respektiere aber den Aufruf der Imame, da, wie der Verfasser auch schon anmerkte, die christlichen Kirchen momentan nicht vor dem Problem stehen religiöse Terrorist*innen zu beerdigen, da es momentan nicht eine solche Häufung von terroristischen Anschlägen in christlichem Kontext gibt. Wahrscheinlich würde sich meine Meinung ändern, wenn sich die Situation ändern würde.
    Spannend wäre herauszufinden, wie die katholische Kirche mit Inquisitor*innen (wobei auch das schwierig ist, weil sie im Auftrag der Kirche mordeten) und anderen „Gotteskämpfer*innen“ umgegangen ist. Einen Vergleich mit Mafiosi oder KZ-Aufseher zu ziehen finde ich schwierig, da sie nicht erstrangig aus religiöser Überzeugung handelten. Es gibt meines Erachtens einen Unterschied, ob die Personen aus eigener religiöser, fanatischer Überzeugung, im Auftrag der Kirche oder des Staates, oder im Auftrag einer fanatischen Rebellengruppe mit keinerlei Akzeptanz morden.

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  2. Die Liturgie stellt sogar ein Gebet für Angehörige zur Verfügung,die Opfer des Verstorbenen waren:

    „Gütiger Gott, wir bringen alles, was uns mit unserem verstorbenen N. verbindet, vor dein Angesicht, auch das, was der Verstorbene uns oder auch anderen angetan hat. Wir können es nicht vergessen, wir wollen ihm aber verzeihen und vertrauen es deiner Barmherzigkeit an.
    Durch Christus, unseren Herrn.“

    Die Idee finde ich gut, nur frage ich mich, ob man so schnell vergeben kann. Da sollten noch ein paar andere Gebete formuliert werden.

    Zur Inquisition: Da muss man unterscheiden: Folter konnte und wurde angeordnet, um herauszufinden, ob der Angeklagte Häretiker ist oder nicht. Dieses Urteil wurde von der Kirche gefällt. Die Strafe wurde aber durch das weltliche Gericht gefällt und vollzogen.
    Die Inquisitoren wurden kirchlich begraben, aber nicht einer Heilig gesprochen, auch wenn sie wegen ihres Amtes ermordet wurden.

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