Bist du strenggläubig?

Wenn mein Gegenüber von mir erfährt, dass ich katholische Theologie studiere, höre ich oft diese Frage: „Bist du strenggläubig?“ Anfangs war ich etwas verwirrt und wusste gar nicht, was ich darauf antworten soll. Was bedeutet strenggläubig? Ich denke dabei an Menschen, die ernst durchs Leben gehen und gewissenhaft alle Regeln, Vorschriften und Gebetszeiten einhalten.
So gesehen, bin ich alles andere als strenggläubig. Aber haben wir nicht alle in mancherlei Hinsicht ein falsches bzw. einseitiges Bild von Religionen im Kopf? Sinn und Zweck einer Religion ist meines Erachtens nicht das Aufstellen von Vorschriften und Regeln, die die Gläubigen strikt einzuhalten haben. Denn dann würde man die Religion an die Stelle Gottes setzen und sich dieser unterordnen. Meiner Meinung nach besteht das eigentliche Ziel der Religionen in der Begleitung ihrer Mitglieder, damit sie eine lebendige Gottesbeziehung aufbauen und im Einklang mit Gott leben können. Die Religionen nehmen dabei eine vermittelnde Rolle ein und unterstützen die Gläubigen mit einer Lebensweise, die bereits vielen geholfen und sich bewährt hat, um ein gottgefälliges Leben zu leben. Die individuellen Lebensweisen unterscheiden sich jedoch sehr voneinander, da jeder Mensch eine persönliche Beziehung zu Gott entwickelt. Im Idealfall findet eine vermittelte Unmittelbarkeit statt. Die Religionen sind ein mögliches Medium, um Gott unmittelbar zu erfahren. Diese Erfahrungen prägen die Lebensgestaltungen der Gläubigen und können zu Abweichungen von der religiösen Norm führen.
In diesem Zusammenhang fällt auch gerne das Wort „dogmatisch“. Darunter werden dann Glaubenssätze verstanden, die angeblich eindeutige Aussagen beinhalten und denen man auf keinen Fall widersprechen darf. So eindeutig und unstrittig sind diese Sätze häufig gar nicht. Und gleichzeitig geht es dabei um Wahrheiten, die uns den Weg zu einer lebendigen Gottesbeziehung weisen können. Die kritische Auseinandersetzung ist dabei entscheidend. Wer Dogmen unreflektiert übernimmt und einfach nur wiederkäut, hat sich vielleicht nicht wirklich mit seiner Religion und seiner Beziehung zu Gott auseinander gesetzt. Der Theologe Karl Rahner hat das mit einer gelungenen Metapher verdeutlicht:
„Dogmen haben die gleiche Aufgabe wie Laternen in der Nacht. Sie dienen einzig dazu, einem den richtigen Weg zu erleuchten. Nur Betrunkene, die Halt suchen, klammern sich an sie.“

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1 Kommentar

  1. Ähnliche Überlegungen gibt es auch von islamischen Theologen. Hier ein Auszug aus dem Buch: Mouhanad Khorchide: Scharia – der missverstandene Gott. Der Weg zu einer modernen islamischen Ethik, Freiburg 2016, S. 15 – 19.

    „Denn wenn man seine Beziehung zu Gott über juristische Kategorien definiert, braucht man zwangsläufig einen Juristen, der einen über die Urteile Gottes aufklärt. Dann ist es aber vorbei mit einer direkten persönlichen Beziehung zu Gott. Nun ist der Jurist dazwischen. Er spricht für und anstelle von Gott. Gott spricht nicht mehr. Der Muslim setzt sich nicht mehr mit Gott auseinander, sondern mit dem Juristen bzw. mit seinen Aussagen und Urteilen. (…)
    Es ist keine Frage, dass diese Interpretations- und Ableitungsarbeit notwendig und hilfreich ist, das ist nicht das Problem. Das Problem beginnt erst, wenn aus den Forschungsergebnissen und Meinungen dieser Gelehrten und Juristen autoritäre Texte werden, die zum Teil mehr Gewicht und Aufmerksamkeit erhalten als der Koran selbst.Dem Muslim werden diese Ergebnisse und Meinungen als letzte göttliche Wahrheit präsentiert, die er unhinterfragt hinnehmen muss. Und so werden die Gelehrten und Juristen zu Göttern. Dazu sagt der Koran: „Genommen haben sie sich ihre Gelehrten und Mönche zu Göttern außer Gott. (…)“1 Diese koranische Kritik richtet sich an Juden und Christen, die ihren Gelehrten unhinterfragt gehorcht haben. (…) Der koranische Vers bezeichnet diese unhinterfragte Hinnahme von Gelehrtenurteilen über Erlaubtes und Verbotenes als „Beigesellung“ (arab.: Shirk) und spricht vom Auslöschen des göttlichen Lichtes. Denn Gott leuchtet nicht wie eine Lichtquelle, er leuchtet im Herzen des Menschen. (…)
    Der Islam will, dass der Mensch hart an sich arbeitet, bis er das Gute um des Guten willens verrichtet. Dieses Verständnis vermeidet eine Reduktion des Islams auf juristische Aspekte. Muslime sollten sich an erster Stelle Sorgen über ihre innere Vollkommenheit machen und nicht primär über Fragen des Erlaubten und Verbotenen von Nagellack, Kopftuch, Piercing, Gelatine usw. Die Verwendung von Nagellack sagt nichts über die Religiosität einer Frau, ein Bart sagt nichts über die Religiosität eines Mannes, das Tragen eines Kopftuches sagt genauso wenig über die Religiosität einer Frau, wie das Tragen einer „Galabeya“ statt einer Hose etwas über die Religiosität eines Mannes aussagt. Die Reinheit des Herzens des Menschen sagt jedoch sehr viel über seine Religiosität und über seine Beziehung zu Gott aus. (…)
    Auf den Islam übertragen bedeutet Scharia „der Weg zu Gott“. Welcher Weg führt aber zu Gott? Im vorliegendem Buch möchte ich ein neues Verständnis von Scharia darlegen: Scharia nicht als Schema, das die Gott-Mensch-Beziehung über juristische Kategorien definiert, sondern als Beschreibung eines Weges zu Gott, als ein Weg des Herzens, der nah an der koranischen Vorstellung ist. Das Praktizieren des Islams beginnt mit dem Praktizieren des Herzens.
    ,(…)Gott ernst zu nehmen heißt, sich vertrauensvoll in die Hände Gottes fallen zu lassen und sich auf die Suche nach seiner Nähe zu begeben. Damit diese Suche aufrichtig ist, muss sie frei sein: frei von allen dogmatischen Hindernissen und frei von ideologischer Verblendung. Davor warnt der Koran mit Nachdruck: ,Sollen Wir euch sagen, wer die richtigen Verlierer sind? Das sind jene, deren Bemühungen im diesseitigen Leben verfehlt sind, während sie meinen, sie täten Gutes. Das sind jene, die die Zeichen ihres Herrn nicht ernst nehmenʻ2. Eine islamische Theologie, die Gott ernst nimmt, muss den Menschen ernst nehmen. Der Mensch ist Gott wichtig, und deshalb muss dieser Mensch im Zentrum der islamischen Theologie stehen. Diese Theologie muss das Ziel haben, dem Menschen einen Zugang zu Gott zu verschaffen. Sie kann dies nicht, wenn sie dem Menschen lediglich einen Katalog an Geboten und Verboten präsentiert und ihm das Bild eines repressiven Gottes vermittelt.ʻ“3

    1 Koran 9:31.
    2 Koran 18:103-105.
    3 Mouhanad Korchide: Islam ist Barmherzigkeit. Grundzüge einer modernen Religion, Freiburg 2012, S.
    2015.

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