Kommentieren – die Hoffnung ist, was bleibt

„Ihr Kind hat kein Augenproblem. Ihr Kind leidet an Demenz.“ – das ist wohl einer der Sätze, die Eltern niemals vom Arzt hören möchten. Welch ein Schock, welch eine Katastrophe, die da über die Familie hereinbricht. Natürlich hat man als Eltern erst einmal eine Diagnose, aber wie vernichtend ist sie am Ende?!

Über diese Krankheit, die noch sehr selten in Deutschland auftritt, berichtete gestern der Dlf und veröffentlichte dazu einen Beitrag in Facebook (http://www.deutschlandfunkkultur.de/seltene-krankheiten-wenn-kinder-an-demenz-erkranken.1008.de.html?dram%3Aarticle_id=405960), wo er mir aufgefallen ist.  Er ist mir eigentlich weniger wegen der Brisanz des Themas aufgefallen, als wegen eines Kommentars, das darunter gepostet wurde. Ein Leser schrieb sinngemäß, dass man beten solle und dankbar sein solle, für alles, was einem gegeben wird. Ich schrieb ihm, in dem ich ihn fragte, ob seine Antwort nicht zynisch sei? Und bekam auch die einen oder anderen Likes. Er wurde unsachlicher, in dem er mir vorwarf, dass ich die Bibel nicht kennen und ihre Bedeutung und Tragweite nicht einzuschätzen wüsste, weil das typisch „Ossi“ sei. Ein anderer nahm ihn in Schutz und schrieb, dass er es ja ernst meinen könnte. Ich blieb sachlich. Ich bin stolz auf meine Heimat. Aber ich ging darauf nicht weiter ein. Es hatte ja nichts mit unserer Diskussion über einen angemessenen Umgang mit dem Inhalt von Bibel und Theologie zu tun. Ich erwiderte also nur, dass man so eine Art Dankbarkeit für so ein Schicksal von niemanden anderen erwarten könne, und dass auch im Neuen Testament nicht erwähnt wird, dass Jesus in irgendeiner Art und Weise Dankbarkeit von den Betroffenen schlimmer Schicksale oder von deren Angehörigen erwartet habe. Daraufhin stellte jener User etwas bedrückt fest, dass ich anscheinend meine Zeit anders verbringe, als Flüchtlingsheime anzuzünden, neorassistische Parolen zu schreien oder dergleichen. Er schlug mir stattdessen vor, für die Betroffenen und Angehörigen zu beten, statt ihn „runterzumachen“. Ich erwiderte, dass ich ihn keineswegs runtermache, dass Beten aber immer eine gute Idee sei. Damit endete unsere Diskussion – meines Wissens.

Leider muss ich diese Begebenheit nacherzählen, weil der Dlf diese Diskussion gelöscht hat. Ich war zunächst etwas überrascht über diese Art von Zensur. Bis auf ein paar Vorurteile und reflektierte Pauschalurteile hat der Kommentator ja nicht viel von sich gegeben, die ich persönlich jetzt aber auch nicht für zensurwürdig erachtet habe. Ein „sei dankbar für das, was Gott dir gibt oder nicht gibt“ trifft man ja nun auch immer mal wieder in einschlägigen Gruppen von Facebook, zuweilen sicherlich auch in christlichen Strömungen. Doch solch ein Reden übersteigt doch in der Regel die Möglichkeiten, Kräfte und Grenzen von Betroffenen und Angehörigen. Kaum ein Mensch ist wie Hiob. Und in der Regel gibt es im Leben auch kein „Happy End“, so dass der Leidende alles wieder zurückbekommt. Warum muss man die sowieso schon am Boden zerstörten noch mehr drücken? Das ist nicht wirklich christlich, eher nietzscheanisch: Was fällt, soll man noch stoßen.

Ob dieser User verstanden hat, was ich in kurzer Antwort versucht habe anzudeuten, weiß ich nicht und ich werde es auch nicht mehr erfahren. Durch die Löschung dieser kurzen Diskussion ist auf der einen Seite für andere Leser etwas verloren gegangen. Auf der anderen Seite hat der Dlf den Kommentator vor weiterem „Bashing“ geschützt. Und durch meine Antwort ist er vielleicht noch einmal zum Nachdenken angeregt worden. Nicht nur, dass „Ossis“ vielleicht auch eine Spur Ahnung der heiligen Schrift haben, sondern auch, dass sein eigenes Reden Menschen überfordert und daher unangemessen, gar zynisch ist oder zumindest so wirkt. Darum ist es wichtig solche Kommentare im Netz nicht einfach nur mit einem Emoticon zu kommentieren oder unbeantwortet zu übergehen. Darum ist es wichtig, sich sachlich auf eine Diskussion einzulassen. Auch wenn es letztlich nur eine leise Hoffnung ist, dass man zum Nachdenken angeregt hat.

Kategorien:Allgemein

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