Warum der Begriff „Tod“ nicht ausreicht

Der Tod gehört zum Menschsein

Als der Mensch noch im Paradies lebte, sagte Gott zu ihm: Du darfst von allen Bäumen und Sträuchern essen, nur vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse nicht. Neben diesem Baum stand ein anderer Baum, dessen Früchte „ewiges Leben“ versprachen. Von diesem durfte der Mensch essen. Aber er tat es nicht. Er entschied sich für die Erkenntnis von Gut und Böse und gegen das ewige Leben. Daraufhin musste er das Paradies verlassen. (Gen 2-3) So gibt die biblische Schöpfungsgeschichte einen Hinweis darauf, was dem Menschen von Anfang an wesenhaft ist: Irgendwann ist der Mensch tot. Aber was heißt das eigentlich, totsein? Wann kann man vom „Tod“ des Menschen reden?

Dass dies keine so banale Frage ist, wie sie auf dem ersten Blick scheinen mag, zeigt eine sehr lebhafte Diskussion um den sogenannten Hirntod. Er ermöglicht der Intensivmedizin, Organtransplantationen durchzuführen. Auf seiner rechtlich verankerten Grundlage machen sich Ärzte beim Operieren von Organen einer unterlassenen Hilfeleistung oder gar eines Mordes nicht schuldig. Voraussetzung dafür ist ein irreversibel geschädigtes Gehirn, das keine Regung mehr zeigt. Sein Ausfall zieht das Erlöschen aller anderen Organfunktionen, z.B. das Atmen mit den Lungen oder das Zirkulieren des Blutkreislaufes durch das Herz, nach sich. Damit man Organe aber transplantieren kann, müssen gerade diese Funktionen noch intakt sein. Der technische Fortschritt ermöglicht es, Atmung und Blutkreislauf mit entsprechenden Geräten und Maschinen aufrecht zu erhalten bis die gebrauchten Organe dem Spender entnommen wurden.

Doch kann man behaupten, dass – auch wenn durch Maschinen unterstützt – ein atmender und warmer Mensch wirklich tot ist? Tot im Sinne von Leichnam? Das jedenfalls suggeriert der Organspendeausweis, was gelegentlich zu Missverständnissen führt und immer wieder Kritiker der Organspende mit ihren spezifischen Argumenten auf den Plan ruft. Seit Jens Spahn seinen Vorschlag die „Widerspruchslösung“ einzuführen, um Organspenden zu erhöhen, in die Öffentlichkeit gebracht hat, reißen im Netz die Diskussionen über dieses Thema nicht ab. Immerhin – das hat sein Vorschlag wirklich gebracht. Wenn man sich aber die Diskussionskultur im Netz anschaut, dann trifft man immer wieder auf dieselben Vorwürfe, die die eine Seite der jeweils anderen in gleicherweise macht! Das Thema ist emotional aufgeheizt und die Fronten sind verhärtet. Wer gegen die Organspende ist, weil der Hirntod nicht der Tod des Menschen ist, solle sich informieren. Wer für die Organspende ist, weil es Leben rettet und der irreversibel Hirntote weder wieder aufwachen, noch wieder gesundwerden kann, solle sich informieren. Abgesehen von der Arroganz, mit der sich beide Seiten begegnen, ist es gar nicht so leicht, den Tod eines Menschen klar zu definieren. Das liegt daran, dass es viele verschiedene Konzeptionen des Todes aus unterschiedlichen Bereichen gibt. Wenn man vom Tod spricht, muss man daher gut aufpassen, was „Tod“ meint. Im Organspendeausweis wäre es daher einfacher und v.a. unmissverständlicher, wenn man „Tod“ durch „Hirntod“ ersetzte. Das würde zunächst einmal dazu führen, dass der Leser gleich weiß, dass sich der Hirntod unter Umständen von der eigenen Vorstellung eines toten Menschen unterscheidet.

Todeskonzeption: Alltagsverständnis – Der biologische Tod

Die exakte Grenze zwischen Leben und Tod ist nicht leicht zu ziehen. Im Alltagsdenken ist der Mensch tot, wenn er biologisch tot ist. Das heißt, alle Organ- und Zellfunktionen sind irreversibel erloschen. Es treten Totenflecke und Leichenstarre ein. Anhand dieser Todesart wird ebenfalls der Zeitpunkt des Todes bei einem Menschen auf den Totenscheinen festgelegt. Als letztes sicheres Todeszeichen tritt die Autolyse ein. Das bedeutet, der Körper wird durch körpereigene Enzyme und Bakterien zersetzt. Im 19. Jahrhundert hatte man größtes Interesse daran entwickelt, sichere Todeszeichen zu finden, um dem Scheintod vorzubeugen, der immer wieder auftrat.

Der klinische Tod (Herz-Kreislauf-Tod)

Wenn Atmung und Herzschlag aufhören, tritt der klinische Tod nach wenigen Minuten ein. Er wird von einem völligen Kreislaufstillstand gekennzeichnet. Jedoch ist eine Reanimation innerhalb der Wiederbelebungszeit noch möglich. Das Gehirn hat dabei mit 3-5 Minuten die kürzeste Wiederbelebungszeit, bevor es irreversibel geschädigt wird. Dieses Konzept war bis zum Hirntod der 70er Jahre die geläufigste Todesanalyse.

Der Hirntod

Neben der Herz-Kreislauf-Todeskonzeption entwickelte man eine weitere Definition des Todeszeitpunktes. Wenn das Großhirn, das Kleinhirn und der Hirnstamm ihre Funktionen verloren haben, spricht man vom sog. Hirntod. Dieser Zustand ist unumkehrbar. Der Körper kann nur mithilfe von intensivmedizinischen Maßnahmen die Atmung und den Blutkreislauf aufrecht erhalten. Der Hirntod darf bescheinigt werden, wenn zwei unabhängige Experten den Patienten zeitlich versetzt dahingehend untersucht haben. Ist der Hirntod festgestellt und der Patient für eine Organspende ungeeignet, so darf die Intensivtherapie eingestellt werden.

Problematisch ist, dass die Kriterien, wann der Hirntod vorliegt, sich international unterscheiden. Während man in Deutschland hirntot ist, wenn Großhirn, Hirnstamm und Kleinhirn irreversibel ausgefallen sind, reicht es in den USA, Großbritannien und Polen, wenn nur der Hirnstamm ausfällt.

Vom Menschen zur Person zum Toten

Homo sapiens bedeutet „verstehender, verständiger“ oder „kluger, gescheiter Mensch“. Der Mensch ist biologisch ein höheres Säugetier, das zur Ordnung der Primaten, schließlich zur Gattung Mensch gezählt wird.
Von den Tieren unterscheidet sich der Mensch, in dem man ihm zugeschrieben hat, ausgeprägtere kognitive Fähigkeiten, also Vernunft, zu haben. Manche philosophische Spielarten machen hieran den Personenbegriff fest: Der Mensch reflektiert und stellt sich sinnstiftende Fragen: Wo komme ich her? Wo gehe ich hin? Warum? Er nimmt sich selbst als Individuum wahr, besitzt Entscheidungsfreiheit und Verantwortlichkeit in seinem Handeln. Die Person interagiert und reagiert auf ihre Umwelt. Die Eigenschaften der klassischen Philosophen, die einen Menschen zur Person machen, sind moralischer Natur, die ein Wesen zu einer moralischen Person machen. René Descartes nennt das Denkvermögen, das Selbstbewusstsein ist es bei John Locke. David Hume zählt das Bewusstsein auf und die Fähigkeit, Gefühle zu haben ist es bei Arthur Schopenhauer. Johann G. Herder nennt das Sprachvermögen. Bei Jeremy Bentham ist die Leidensfähigkeit zentral und Peter Singer hält es für hinreichend, dass der Mensch die Fähigkeit, Schmerzen zu empfinden besitzt, um ihn als Person zu bezeichnen.
Kann sie das aufgrund eines Ausfalls ihrer Gehirnfunktionen nicht mehr, ist es streitbar, ihr das Personsein abzusprechen. In so einem Fall müsste man auch anderen von entsprechenden Krankheiten oder Behinderungen betroffenen Menschen, das Personsein absprechen. Das hätte massive Folgen für ihre Rechte! Aus geschichtlicher Verantwortung ist ein solches Absprechen gerade in Deutschland nicht diskutierbar.
Trotzdem gibt es die Tendenz von Philosophen, Ethikern, Medizinern und Theologen, hirntoten Menschen ihr Personsein abzuerkennen, während man bei geistig behinderten oder komatösen Menschen noch von Personen spricht. Den bewusstlosen Körper, dessen Gehirnfunktionen erloschen sind, als leblose Hülle zu betrachten, ist aber zu kurz gedacht.

Hirntod = Tod?

Das Sterben und der Tod sind dem Menschen als Geschöpf wesentlich. Menschen mit schweren Erkrankungen, Behinderungen oder dem Hirntodsyndrom spiegeln diese Wesenhaftigkeit in besonderer Weise wieder. Sie sind die schwächsten Glieder einer Gesellschaft. Doch obwohl sie sich nicht mehr offensichtlich äußern können, können auch hirntote Menschen unter Umständen auf ihre Umwelt reagieren, wenn auch nur auf basaler und vegetativer Ebene, wie Andreas Zieger¹ zeigen konnte. Die Debatte um den Hirntod als Tod eines Patienten wurde bereits durch den Neurologen Alan Shewmon erneut angestoßen. Er zeigte, dass hirntote Kinder altersgemäß wachsen und in sexuelle Reifung kommen. Dass der hirntote Körper sich entgiften kann und zelluläre Abfallprodukte beseitigt. Er hält die Energiebalance durch Interaktion zwischen Muskeln, Fett, der Leber und dem Hormonsystem aufrecht und besitzt die Fähigkeit zur Wundheilung und Bekämpfung von Infektionen durch die Interaktion von Immunsystem, Lymphsystem, Knochenmark u.a.²

„Gott erschuf den Menschen als sein Bild“ (Gen 1,27a)

Die Unterscheidung zwischen Lebenden und Toten ist wichtig, weil sich daraus moralische und rechtliche Konsequenzen ergeben. Mit einem Lebenden wird anders umgegangen, als mit einem Toten. Ein Leichnam wird anders zu behandeln sein, als ein noch lebender Mensch. Beiden werden daher unterschiedliche Rechte zugeschrieben. Diese Unterscheidung hängt aber stark vom zugrundeliegenden Menschenbild ab. Würde man einer platonischen Denkart folgen, wäre es egal, was mit dem Leichnam gemacht würde. Nach der Trennung der unsterblichen Seele vom vergänglichen Leib bliebe dieser als Leichnam zurück und hat für den Geist keinerlei Bedeutung mehr. Mir scheinen die Konsequenzen eines solchen Menschenbildes in Hinblick auf Organspende pietätlos und rücksichtslos. So eine Verdinglichung des Leichnams lehnt der Deutsche Ethikrat in seiner Stellungnahme von 2015 aus guten Gründen ab. Die Deutsche Bischofskonferenz und die EKD sprechen sich für ein christlich geprägtes ganzheitlich orientiertes Menschenbild aus, das durch seine Einheit von Körper und Geist/Seele bestimmt ist.³ Demnach darf die Würde des Menschen nicht verletzt werden, egal ob er krank oder gesund ist oder in wieweit er noch fähig ist, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Dies kommt in der Hebräischen Bibel zum Beispiel dadurch zum Ausdruck, dass Gott den Menschen nach seinem Ebenbild geschaffen hat oder wenn im Neuen Testament vom „Tempel des Heiligen Geistes“ (1 Kor 6,9) gesprochen wird.
Mit dem Hirntodkriterium wird die Lebendigkeit eines Menschen an die Funktionalität seines Gehirns gekoppelt. Schöpfungstheologisch scheint das fragwürdig. Als Theologe kann ich mich der Alttestamentlerin Ruth Poser anschließen: In der Bibel ist wenig zu erkennen, dass sie von einem festgesetzten Todeszeitpunkt spricht.⁴ Es ist aber nicht die Hirnleistung, die uns zu lebenden Menschen macht. Lebendigkeit wird in der Bibel immer wieder an die Beziehungsfähigkeit des Menschen mit Gott gebunden. So lange der Mensch atmet, so lange kann er in Beziehung treten. Sterben ist ein Prozess, kein Zeitpunkt.

Plädoyer

Aufgrund von allen vorgestellten körperlichen Reaktionen und aufrecht gehaltenen Funktionen fällt es schwer, einen Hirntoten als einen Toten zu bezeichnen. Der hirntote Mensch ist womöglich ein Sterbender, ja. Aber einer, der die Schwelle zum sicheren Leichnam noch nicht überschritten hat. Deshalb plädiere ich dafür, dass dies auf den Organspendeausweisen auch sichtbar gemacht wird. Dies könnte zu mehr Transparenz in einem emotional höhstaufgeladenen Thema führen und es nähme die Menschen in ihrer Entscheidungssuche und -findung ernster.
Auch wenn wir es letztlich nicht wissen können, stimme ich Hans Jonas zu: Weil man die exakte Grenze zwischen Leben und Tod nicht ziehen kann, sollte man der „Lebensvermutung den Vorrang geben.“⁵ Die Entscheidung, Organe zu spenden obliegt dann immer noch jedem selbst und sollte auf individuellem Wunsch ermöglicht werden und keine juristischen Konsequenzen nach sich ziehen, sofern die Bereitschaft zur Spende ausdrücklich hinterlegt wurde.

 


¹ vgl. Andreas Zieger: Medizinisches Wissen und Deutungen in der „Beziehungsmedizin – Konsequenzen für Transplantationsmedizin und Gesellschaft, in: Alexandra Manzei/Werner Schneider [Hrsg.], Transplantationsmedizin. Kulturelles Wissen und gesellschafltiche Praxis, Münster 2006, S. 157-181.

² President´s Council on Bioethics (2013): Kontroversen über die Bestimmung des Todes. White Paper des Bioethikrates des US-Präsidenten. In: N. Feinendegen (Hg.): Der Hirntod – ein „zweites Fenster“ auf den Tod des Menschen? Zum Neuansatz in der Debatte um das neurologische Kriterium durch den US Bioethikrat. Unter Mitarbeit von G. Höver. Würzburg: Königshausen & Neumann, S. 41–42.

³ Erklärung der Deutschen Bischofskonferenz und des Rates der EKD, Gemeinsame Texte 1, 1990; zugänglich unter: https://www.ekd.de/23113.htm; Zugriff am 10.12.18.

⁴ Vgl. Ruth Poser: Du nimmst ihre Geisteskraft zurück. Hirntod und Organtransplantation vor dem Hintergrund der Hebräischen Bibel, in: Arbeitshilfe zum Weitergeben 2/213 (Themenheft: „Organe spenden?), S. 6-13.

⁵ Jonas, H. (1994): Brief an Hans-Bernhard Wuermeling. In: J. Hoff und J. in der Schmitten (Hg.): Wann ist der Mensch tot? Organverpflanzung und „Hirntod“- Kriterium. 1. Aufl. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, S. 24.

Kategorien:Allgemein

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