Wie lässt sich Missbrauch in der Kirche und durch die Kirche verhindern?

Das Ausmaß des sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche wird immer größer. Dabei wird dem sexuellen Missbrauch von Erwachsenen bisher kaum Beachtung geschenkt. Studien gehen davon aus, dass mindestens 9% der Seelsorgenden Sex mit erwachsenen Kirchenmitgliedern haben und jede vierte Nonne Sex mit Angehörigen ihres Ordens oder ihren geistlichen Begleitern.

Diese vermeintlich einvernehmlichen sexuellen Beziehungen sind missbräuchlich, selbst wenn die hilfesuchende Person den sexuellen Handlungen zustimmt oder sie von ihr ausgehen. Die Seelsorgenden missbrauchen das ihnen entgegen gebrachte Vertrauen und Machtgefälle, indem sie ihre Opfer an sich binden. Statt ihnen die eigentlich benötigte Hilfe anzubieten, befriedigen sie ihre sexuellen Bedürfnisse. Sex kann wie Drogenkonsum kurzfristig ablenken, das ursprüngliche Problem löst es nicht, sondern neue kommen hinzu. Der Vertrauensbruch und die dadurch entstehende Glaubens- und Gotteskrise belasten das Opfer zusätzlich.

Dem sexuellen Missbrauch durch Seelsorgende geht ein längerer Prozess voraus, der spirituelle Missbrauch. Doris Wagner teilt ihn in spirituelle Vernachlässigung, Manipulation und Gewalt ein. Dadurch wird die Entwicklung deutlich, die zum Missbrauch führt.

Spirituell Vernachlässigten wird kein ausreichendes spirituelles Angebot gemacht. Deshalb fällt es ihnen schwerer, ihr Leben zu deuten und bei Problemen fehlen ihnen die Methoden, um sie möglichst eigenständig zu lösen. Spirituelle Vernachlässigung ist in der katholischen Kirche weit verbreitet. Angeboten werden vor allem die Sakramente, Wortgottesdienste und das Rosenkranzgebet. Bischöfe und Seelsorgende müssen deshalb für ein größeres spirituelles Angebot sorgen.

Bei spiritueller Manipulation wird spirituell vernachlässigten Menschen ein Weltbild, eine Gottesvorstellung und eine Lebensweise vorgegeben, die die Gläubigen annehmen müssen. Solche Vorgaben macht das katholische Lehramt den Gläubigen. Wo sie die Macht dazu hat, versucht sie jene, die abweichen, durch Sanktionen zur Einhaltung zu zwingen. Das erleichtert Seelsorgenden die Manipulation, weil eine manipulative Struktur bereits vorhanden ist. Seelsorgende müssen sich dieser Manipulation bewusst sein und die ihnen Anvertrauten zu einem selbstbestimmten Glauben führen.

Bei Spiritueller Gewalt werden Manipulierte kontrolliert und beherrscht, ihre Bedürfnisse und Wünsche missachtet. Folgen sie nicht, droht psychische oder physische Gewalt. Gefährdet sind Menschen mit Minderwertigkeitskomplexen, da sie die Zuwendung der höher gestellten Person als Ehre auffassen und sich späterer Gewalt eher fügen. Selbstzweifel werden durch Scham und Angst verstärkt. Begründet werden die Grenzverletzungen mit falsch interpretierten Bibelstellen und einer missbräuchlichen theologischen Begründung. Fügt sich das Opfer dem Willen der Seelsorgenden, dann können sie ihre Opfer ausbeuten, z. B. finanziell, emotional oder sexuell.

Diese personale spirituelle Gewalt kann durch institutionelle spirituelle Gewalt unterstützt werden. Die katholische Kirche muss deshalb ihre Struktur und Theologie auf spirituelle Manipulation und Gewalt überprüfen. Sie darf weder Missbrauchende unterstützen, noch die Seelsorgenden zum Missbrauch verleiten. Besonders Priester sind durch die hohen Erwartungen, das ihnen entgegengebrachte Vertrauen und die mangelnde Vorbereitung auf den Zölibat gefährdet. Sie müssen lernen, tiefe innige Beziehungen zu führen ohne ihre Sexualität zu unterdrücken, sie aber auch nicht genital auszuleben. Denn wenn sie eine sexuelle Beziehung führen, muss sie geheim gehalten werden. Im Verborgenen gelebte Sexualität ist missbrauchsanfällig und belastet alle Beteiligten.

Missbrauchende zu erkennen ist schwer. Sie vernebeln ihr Umfeld, indem sie angesehene Positionen anstreben, sympathisch und hilfsbereit sind. Ihre missbrauchende und gewalttätige Seite lernen ihre Opfer erst kennen, wenn ein Vertrauens- und Abhängigkeitsverhältnis aufgebaut wurde. Um den Missbrauch geheim zu halten, missbrauchen sie die Schweigepflicht, deren Einhaltung sie von ihren Opfer ebenfalls verlangen.

Ihre Opfer meinen anfangs, den sexuellen Handlungen freiwillig zugestimmt zu haben. Sie genießen sie und die ihnen geschenkte Aufmerksamkeit. Wird ihnen der Missbrauch bewusst, fühlen sie sich schuldig und schämen sich, weshalb sie schweigen. Hinzu kommt die Angst vor der Stigmatisierung als Opfer. Es ist ein Eingeständnis der Unterlegenheit, die durch die Veröffentlichung verstärkt wird. Die Scham für die Täter in den eigenen Reihen des Klerus ist auch der Grund, warum die Verantwortlichen der katholischen Kirche Missbrauch so lange verschwiegen haben. Das stärkt die Macht der Missbrauchenden. Um ihnen ihre Macht zu nehmen, ist Aufklärung und Prävention notwendig.

Spiritueller Missbrauch kann verhindert werden, wenn der Glaube angstfrei gelebt wird. Religiöse Angebote und Vorstellungen dürfen keinen Druck erzeugen, aufgezwungen werden oder die eigene Macht und Autorität stärken. Andere Menschen vom eigenen Glauben durch die eigene Lebensführung, Worte und Taten zu überzeugen ist gestattet, sie zu überreden nicht.

Um sexuellen Missbrauch zu verhindern, sollten die Gesetzgebenden sexuelle Handlungen zwischen Menschen, die in heilenden und beratenden Berufen tätig sind und deren Patienten und Klienten, grundsätzlich unter Strafe stellen. Die katholische Kirche müsste ihre Mitarbeitenden besser auswählen, ausbilden und ihnen Supervision anbieten. Damit sich die Hilfesuchenden besser schützen können, sollte es vor seelsorglichen Angeboten Aufklärung geben, z. B. durch einen Flyer und eine kurze Erklärung. Wenn die Hilfesuchenden im Vorfeld mögliche Gefahren kennen, können sie sich besser schützen. Diese Aufklärung könnte anderen Religionsgemeinschaften und der Gesellschaft als Vorbild dienen. Es könnte zu einer allgemeinen Gewaltprävention führen und ein Bewusstsein für die alltäglichen Grenzüberschreitungen schaffen, die zum Missbrauch führen können. Wer seine Grenzen kennt und sie schützen kann, ist am besten vor Missbrauch geschützt.

Kategorien:Allgemein

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